Es ist Zeit, das System zu verändern

Ob Impfstoffentwicklung oder Erhalt der Artenvielfalt – das Publizieren in Fachzeitschriften ist ein integraler Bestandteil von Forschung. Im Veröffentlichungsprozess unterziehen sich Wissenschaftler*innen der Begutachtung durch Kolleg*innen, was der Qualitätssicherung dient und den Diskurs befördert. Für ihre begutachteten Publikationen streben Forscher*innen natürlicherweise eine möglichst breite Leserschaft an. Zwar hat die vor Jahrzehnten eingeleitete digitale Transformation längst alle technischen Barrieren für eine nahezu unbegrenzte Informationsverbreitung beseitigt, doch noch immer verhindert das auf Subskriptionen beruhende Vertriebsmodell für wissenschaftliche Zeitschriften, dass Forschungsliteratur universell zugänglich ist. Da Zeitschriftenverlage die exklusiven Rechte an den Veröffentlichungen halten, können Wissenschaftler*innen ihre publizierten Ergebnisse nicht frei teilen und allgemein darauf aufbauen.

Wissenschaft verlangt nach offener Verbreitung von Forschungsergebnissen

Deutschland ist mit 100.000 wissenschaftlichen Artikeln pro Jahr weltweit führend in der Produktion von Fachwissen. Um die Menschen in Deutschland durch Bildung zu qualifizieren, Innovationen voranzutreiben und Wohlstand für alle zu befördern, muss die Forschungsliteratur aus Deutschland offen, frei zugänglich und für jedermann lesbar und weiterverwendbar sein. Deshalb ermutigt die Allianz der Wissenschaftsorganisationen die Publizierenden, ihre wissenschaftlichen Arbeiten unter einer freien Lizenz zu veröffentlichen (Open Access).

Das digitale Zeitalter ermöglicht es den Forscher*innen, die Wissenschaft durch tiefer gehende, weitreichendere und wirksamere Studien zu beschleunigen, aber dieses Potenzial kann nur dann voll ausgeschöpft werden, wenn Forschungsergebnisse in einen offenen, frei zugänglichen und gemeinsam nutzbaren weltweiten Wissenskorpus einfließen.

Wissenschaftler*innen vertrauen auf Fachzeitschriften

Wissenschaftler*innen verlassen sich auf die Dienste von Zeitschriften, welche ihre Forschungsbeiträge redaktionell betreuen, eine Begutachtung durch Fachkolleg*innen (Peer Review) organisieren und damit die Qualitätssicherung sicherstellen und die finalen Artikel auf standardisiertem Weg veröffentlichen und archivieren. Obwohl die digitale Transformation eine Vielzahl an neuen, effizienten und kostengünstigen Verbreitungswegen hervorgebracht hat, sind die etablierten Fachzeitschriften nach wie vor von zentraler Bedeutung für die globale Wissenschaftler*innengemeinschaft, denn viele blicken auf eine langjährige Tradition zurück und genießen oft hohe Anerkennung in den jeweiligen Disziplinen, etwa weil sie häufig zitiert werden, bei einem bekannten Verlag erscheinen, angesehene Herausgeber*innengremien stellen oder an eine wissenschaftliche Fachgesellschaft angebunden sind.

Die Wahl des Publikationsortes entscheidet häufig darüber, wie stark eine Veröffentlichung unter Fachkolleg*innen wahrgenommen wird und hat damit Einfluss auf die Karrieren von Wissenschaftler*innen und auf die erfolgreiche Einwerbung von Forschungsgeldern.

Die Wissenschaftler*innen in Deutschland nutzen zur Verbreitung ihrer Forschungsergebnisse mit überwältigender Mehrheit die Zeitschriften der etablierten großen Fachverlage, deren Geschäftsmodell noch immer standardmäßig auf Subskriptionen beruht. Etwa die Hälfte der jährlich erscheinenden deutschen wissenschaftlichen Zeitschriftenbeiträge wird von nur drei Verlagen veröffentlicht.

Das Subskriptionssystem ist nicht länger tragbar

Wissenschaftliche Zeitschriften erfüllen wichtige Funktionen und genießen hohe Anerkennung in der Wissenschaft, und selbstverständlich sind ihre Dienste nicht kostenfrei. Jedoch verlangt das Subskriptionsmodell, über das sich die Zeitschriften mehrheitlich finanzieren, dass wissenschaftliche Autor*innen alle Nutzungs- und Verbreitungsrechte an ihren Arbeiten exklusiv an die Verlage übertragen. Dadurch lässt sich der Zugang zur Forschungsliteratur kommerziell verwerten, und die Kosten des Zeitschriftensystems müssen von den Leser*innen getragen werden – sofern sie es sich leisten können.

Seitdem Fachjournale ab Mitte der 1990er Jahre digital und online publiziert wurden, hat die Anbieterkonzentration auf dem wissenschaftlichen Verlagsmarkt rasant zugenommen, und Zeitschriftenliteratur wird den wissenschaftlichen Bibliotheken seitdem praktisch nur noch in Bündeln angeboten, deren Preise sich jährlich weit jenseits der Inflationsraten verteuern. Welche Bibliothek wieviel für welche Zeitschriftenpakete ausgibt, ist in der Regel Gegenstand von Geheimhaltungsklauseln in den Subskriptionsverträgen. Zwar gibt es Listenpreise und nach Nutzerzahlen abgestufte Kosten, doch wirklich verbindlich und vergleichbar sind diese Ansätze nicht, unter anderem aufgrund der Tatsache, dass die Subskriptionskosten vieler Einrichtungen immer noch auf ihren historischen Ausgaben für gedruckte Zeitschriften aufsetzen. All diese Gründe führen dazu, dass sich die Subskriptionsausgaben von Einrichtungen mit nahezu identischem Forschungs-und Publikationsprofil zum Teil massiv unterscheiden. Eine faire und transparente Preisentwicklung ist vor dem Hintergrund dieser undurchsichtigen Bedingungen nahezu unmöglich.

Globaler Subskriptionsmarkt

Umgerechnet auf jeden einzelnen der global und jährlich etwa 2 Mio. veröffentlichten wissenschaftlichen Zeitschriftenbeiträge belaufen sich die Subskriptionsausgaben der Bibliotheken weltweit im Durchschnitt auf mindestens 3.800 Euro pro Artikel, das konnte in einem 2015 veröffentlichten Whitepaper der Max Planck Digital Library gezeigt werden. Verglichen mit den effektiven Kosten des Open Access-Publizierens ist das eine inakzeptabel hohe Summe.

Umgerechnet auf jeden einzelnen der global und jährlich etwa 2 Mio. veröffentlichten Zeitschriftenbeiträge belaufen sich die Subskriptionsausgaben der Bibliotheken weltweit im Durchschnitt auf mehr als 3.800 (!) Euro pro Artikel. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden immer größere Anteile der Bibliotheksetats an Hochschulen und Forschungseinrichtungen durch den Kauf von Zeitschriftenlizenzen aufgezehrt; in Deutschland vereinnahmen die drei größten Verlagsanbieter alleine häufig weit über 70% der jährlichen Bibliotheksetats. Die unrühmliche Wahrheit über das wissenschaftliche Publikationssystem lautet deshalb, dass es auf einem Geschäftsmodell beruht, das immer größerer finanzielle Mittel erfordert, während es den Zugang zur Forschungsliteratur gleichzeitig künstlich verknappt – ein Zustand, der unter den heutigen Bedingungen kostengünstiger elektronischer Verbreitung völlig ineffizient und kaum mehr zu rechtfertigen ist.

Doch nicht nur die Bibliotheksetats der Wissenschaftseinrichtungen werden belastet. Im Zuge der immer lauter artikulierten Forderung nach Open Access und durch entsprechende Auflagen der Forschungsförderer haben fast alle Subskriptionsverlage doppelte Vertriebskanäle für ihre Zeitschrifteninhalte aufgebaut: zum einen verkaufen sie Zeitschriftenabonnements an die Leser*innen und Bibliotheken, verlangen aber gleichzeitig Gebühren von den wissenschaftlichen Autor*innen, die in diesen Zeitschriften publizieren, und zwar vor allem dann, wenn diese ihre einzelnen Beiträge mit einer freien Open-Access-Lizenz versehen möchten, um mehr Sichtbarkeit zu erlangen und ihre Arbeiten ohne rechtliche Unsicherheiten weitergeben zu können. Im Schnitt belaufen sich diese zusätzlichen Gebühren auf 2.500 Euro pro Publikation, wodurch sich die Gesamtkosten des derzeitigen Vertriebssystems für wissenschaftliche Zeitschriften leicht auf mehr als 6.000 Euro pro veröffentlichten Artikel erhöhen.

Insgesamt ist heute kaum noch von der Hand zu weisen, dass das Subskriptionsmodell den Zugang zur Forschungsliteratur beschränkt und damit den Fortschritt in der Wissenschaft direkt behindert. Darüber hinaus fehlt es an Transparenz und finanzieller Nachhaltigkeit. Erfahren Sie auf den nächsten Seiten, wie durch den Ansatz von Projekt DEAL die etablierten Fachzeitschriften als solche erhalten bleiben, gleichzeitig aber in ein finanziell nachhaltiges Open Access-Modell überführt werden.

 
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